Häusliche Gewalt bei Kindern / Jugendlichen

Erkennen und Einschätzen einer möglichen Kindswohlgefährdung

 

Stellt eine verantwortliche Person fest, dass das Wohl eines Kindes oder Jugendlichen möglicherweise gefährdet ist, so kann diese Online-Einschätzung helfen, die eigene Wahrnehmung zu validieren und weitere Schritte zu planen.Dieses neue Online-Tool hilft Ihnen bei der Einschätzung, prüft Ihre Wahrnehmung und leitet rasch weitere Schritte ein.

Danach nimmt das Tool eine Auswertung vor. Aufgrund dieser Auswertung sowie einer detaillierten Beurteilung des Resultates durch ausgewiesene Fachpersonen, kann das weitere Vorgehen definiert werden.

Parallel dazu wird per Mail das Auswertungsprotokoll an die bei der Anmeldung hinterlegte Mailadresse versandt. 

Es können beliebig viele Fälle eröffnet und eingeschätzt werden.



Basiswissen

Häusliche Gewalt kommt auch im nahen Umfeld vor und beschränkt sich nicht auf besondere Milieus.

 

Im Gegenteil, das Problem:

  • Betrifft alle gesellschaftlichen Schichten
  • Betrifft Menschen aller Altersstufen
  • Wird mehrheitlich von Männern gegen Frauen ausgeübt
  • Beinhaltet alle Formen der sexuellen, physischen, psychischen, sozialen und emotionalen Gewalt
  • Geschieht zwischen Erwachsenen, die in naher Beziehung zueinander stehen oder gestanden haben

Kinder und Jugendliche leiden dabei indirekt oder direkt

  • Indem sie die Gewalt miterleben, sich auf die eine Elternseite stellen
  • Unter Vernachlässigung durch die kraftlos gewordene Gedemütigte leiden
  • In ständiger Angst leben
  • Schuldgefühle aufbauen
  • Oder selber geschlagen werden

Hilfe anbieten

Wer Verdacht schöpft, dass Kinder / Jugendliche direkt oder indirekt unter häuslicher Gewalt leiden, soll versuchen herauszufinden, ob sich das Kind zurzeit in erhöhter Gefahr befindet.

Um das weitere Vorgehen zu besprechen, helfen Fachberatungsstellen, der schulpsychologische oder schulärztliche Dienst. Dazu ist es hilfreich, wenn allfällige Beobachtungen oder Gespräche protokolliert wurden (genaue Aussagen, Situation, Ort, Zeitpunkt, Beteiligte).

 

Konkret

Zeigen Sie immer wieder Gesprächsbereitschaft und signalisieren Sie damit, dass Ihnen am Wohl des Kindes / Jugendlichen viel liegt: bereits dieses Zeichen kann hilfreich sein. Wenn es gelingt, mit dem Kind oder Jugendlichen zu sprechen, dann soll auf eine unbelastete Atmosphäre geachtet werden.

  • Sprechen Sie mit dem Kind / Jugendlichen alleine, in einem ruhigen, ungestörten Rahmen
  • Geben Sie ihm Zeit, um darüber zu reden
  • Erlauben Sie dem Kind/Jugendlichen, seine Gefühle in Bezug auf das, was es/er erlebt hat, aus zu drücken
  • Entlasten Sie das Gegenüber, indem Sie ihm sagen, dass es gut ist, sich bei belastenden Erlebnissen jemandem anzuvertrauen
  • Verurteilen Sie allenfalls die Tat, aber keinesfalls den Täter
  • Betonen Sie, dass diese Gewalt nicht die Schuld des Kinder/Jugendlichen ist
  • Zeigen Sie, dass Sie das Gegenüber ernst nehmen und ihm glauben

Dynamik der Angst und Sorge

Grundsätzlich

Als Grundstruktur hinter den verschiedenen Formen herrschen verschiedene Dynamiken, die sich auf das Seelenleben der Kinder und Jugendlichen belastend auswirken:

  • Dynamik der Angst 
    • "Wenn du etwas verrätst, komme ich ins Gefängnis und du kommst ins Heim"
    • "Wenn ich als Kind brav bin und alles richtig mache, schlägt Papa unsere Mami bestimmt nicht mehr"
  • Dynamik der Sorge 
    • "Wenn ich etwas Falsches sage, schlägt er sie wieder"

Beides bewirkt

  • Sprachlosigkeit oder ein Verschweigen beim Kind / Jugendlichen:
    • "Wenn ich etwas Falsches mache, bekomme ich Ärger und alles geht weiter"
  • Eine Lähmung der Aktivitäten 
  • Unterdrückt den Impuls, Hilfe zu holen

Mögliche Folgen

In der Mehrzahl der Fälle, in denen die Mutter durch den Lebenspartner misshandelt wird, sind die Kinder / allenfalls auch Jugendlichen anwesend oder im Nebenraum und erleben so die Gewaltdirekt oder indirekt mit.

Kinder / Jugendlich erfahren die Gewalt auf verschiedenen Sinnesebenen:

  • Sie sehen, wie die Muttergeschlagen oder vergewaltigt wird
  • Sie hören, wie der Vater schreit, die Mutter wimmert oder verstummt
  • Sie spüren den Zorn des Vaters, die eigene Angst, diejenige der Mutter und die der Geschwister, die bedrohliche Atmosphäre vor den Gewalttaten
  • Sie denken, der Vater töte die Mutter
  • Sie denken, sie müssten die Mutter und die Geschwister schützen
  • Sie denken, sie seien allein und ohnmächtig

Die häusliche Gewalt hat auch tiefgreifende Auswirkungen auf die Gefühle und das Verhalten von Frauen gegenüber ihren Kindern / Jugendlichen und auf ihr Selbstverständnis als Mütter:.

  • Für einige von ihnen ist das Empfangen, Gebären und Versorgen der Kinder so unmittelbar mit den Misshandlungen verbunden, dass es ihnen nicht gelingt, diese Verbindung zu lösen
  • Manche Frauen verlieren dadurch jeden Glauben in ihre Fähigkeiten und Kompetenzen, gut für ihre Kinder zu sorgen und ihnen emotional nahe zu sein
  • Scham vor den eigenen Kindern führt zum Versagen mütterlicher Zuneigung
  • Die Kinder können dadurch Respekt und Autorität vor der Mutter verlieren

Weitere soziale Folgen von erlebter häuslicher Gewalt durch Isolation, extreme Kontrolle und Verbote sind

  • Eingeschränkte Beziehungen
  • Beziehungsverluste der Frau zu Verwandten, Arbeitskolleginnen und Kollegen sowie Freundinnen und Freunden
  • Schuldgefühle und Angst oder auch Hoffnung auf eine «heile» Familie führen dazu, ihre Lage in der Öffentlichkeit zu verharmlosen und angebotene Hilfeleistungen zurück zu weisen.
  • Damit ist es für Aussenstehende schwer, ihr zu helfen
  • Das hat zur Folge, dass weitere Hilfsangebote unterbleiben und der tatsächliche Leidensdruck der Frau nichtwahrgenommen wird
  • Es kommt zur weiteren Isolation und Verkümmerung sozialer Kontakte, ohne die die Frau aber aus dem Gewaltkreislauf nicht ausbrechen kann

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